06.06.2005 / skug
STEAMBOAT SWITZERLAND
Rumoren im Binnengewässer – Bombastrock-Improv-wall of sound
Dass man auf Rockinstrumenten innovative Neue Musik spielen kann, ist sicherlich ein großer Verdienst von Marino Pliakas (E-Bass und akustische Gitarre), Dominik Blum (Hammondorgel, Korg MS20, Piano, Elektronik) und Lucas Niggli (Drums). Spätestens seit der Einspielung »ac / dB« (1998) des britischen Komponisten Sam Hayden (*1968) befindet sich das schweizerische Dampfschiff auf unaufhörlicher Entdeckungsfahrt.
Die siebenStücke sind hochgradig komplex konstruiert, klingen dennoch energiegeladenrockig; Sie bewegen sich weder in ausgedienten Popharmonien, noch stampft einplumpes Rockschlagzeug hinterher. Beim Anhören kann durchwegs der Kerngedanke»Boulez on the rocks!« aufkommen. Der Auftrag an Sam Hayden bestand darin,Module zu komponieren, die je nach Konzertsituation verschiedenartig angewendetwerden können. Mittels einer Reihe von Handzeichen zeigt jeder Spieler seinemMitspieler das nächste Stück an. So erlaubt dieses hoch entwickelte Modulsystemeinen freien Fluss zwischen vorgefertigten Kompositionen undImprovisationsteilen. In diesem Umgang haben die drei Musiker kreative Lösungengefunden und erarbeitet, um nicht nur klanglich, sondern auch formal in dasGeschehen einzugreifen. Jede Aufführung wird zu einer ungewissen Reise mitsicherem Ausgang.
Aufführungen von Steamboat Switzerland setzen oft Bilder von Rockkonzerten frei. Bandnamen wie Emerson, Lake & Palmer, DeepPurple oder Pink Floyd fallen. Dem dichten undenergiegeladenen Spiel (vor allem in ihren Improvisationen) liegt dergemeinsame Aufbau einer wall of sound zugrunde.Nicht der einzelne Musiker exponiert sich, sondern ein kollektivesKlangereignis entwickelt sich. Die Instrumente verschmelzen zu einem einzigenKlangkörper, ein langgezogener, dramaturgischer Bogen wird angestrebt und kaumvon Pausen durchbrochen.
Aufschlussreich auch Steamboats Nebenschienen: Diemusikästhetischen Interessen verästeln sich in verschiedeneRichtungen. Marino Pliakas konzertiert nicht nur in der freien Improszene aufvielen (außer-)europäischen Bühnen, so z.B. regelmäßig mit Michael Werthmüller,Peter Brötzmann, Stephan Wittwer u.v.a. Einer regen Konzerttätigkeit gehen auchLucas Niggli und Dominik Blum nach. Nigglis Zoom Ensemble wird eher demprogressiven Jazz zugeordnet, entsprechend folgen viele Einladungen zuFestivals oder genreübergreifenden Konzertreihen. Raving Song System heißt dasneuste Hochspannungs-Trio von Domink Blum, wofür die Presse in den Rezensionenzur CD »Vol. 1« gleich den Begriff Dark Power Ambient mitliefert.
Michael Heisch